Forschungsgemeinschaft Funk e.V.

Edition Wissenschaft

Ausgabe Nr. 21, Dezember 2005
"Sind Thermorezeptoren für nichtthermische Effekte der Hochfrequenzstrahlung verantwortlich?"
Von Prof. Dr. Roland Glaser
Biologisches Institut/Institut für Experimentelle Biophysik, Humboldt-Universität Berlin

Die Existenz " nicht-thermischer " Wirkungen schwacher Hochfrequenzfelder ist immer wieder Gegenstand der Diskussion. In den entsprechenden Arbeiten bezieht sich der Ausdruck "nicht-thermisch" zumeist nicht auf den biophysikalischen Mechanismus, sondern wird in einem empirischen Sinne benutzt. Üblicherweise wird eine Wirkung dann als "nicht-thermisch" bezeichnet, wenn sie nicht mit einem voraussagbaren oder messbaren Temperaturanstieg Hand in Hand geht, oder wenn sie nicht den Wirkungen entspricht, die nach konventioneller Erwärmung ähnlicher Größenordnung auftreten. Das System der Thermoregulierung mit seiner Uneindeutigkeit und hohen Empfindlichkeit bleibt in diesem Ansatz unberücksichtigt.

Vor kurzem wurde eine spezialisierte Klasse von Transportporteinen identifiziert, die in Zellmembranen als Thermosensoren wirken, und zwar nicht nur in Zellen spezialisierter Organe, sondern auch in normalen Keratinozyten und anderen Zellen. Das Signal-Rauschen-Verhältnis in diesem System der Thermorezeption wird optimiert durch Mittelung der Reaktion vieler Proteine und Zellen und vieler Phasen der Informationsverarbeitung über mehrere Zeitkonstanten - unterhalb von Mikrosekunden für die primären Reaktionen der Membranproteine, Millisekunden für Nervenerregungen und schließlich Zehntelsekunden oder auch Minuten für Verhaltensänderungen. Die Schwelle dieses Systems kann unter der Empfindlichkeitsschwelle unserer technischen Geräte zur Temperaturmessung oder -kontrolle im Experiment liegen. Wenn man dies berücksichtigt, könnten die in Experimenten mit schwachen Hochfrequenzfeldern gefundenen Wirkungen tatsächlich "quasi-thermische" oder "geringfügige/subtile thermische" Reaktionen des biologischen Systems der Thermosensorik und Thermoregulierung sein. Denkbar sind eine Reihe von Reaktionen, die bei Temperaturerhöhungen eintreten, die nicht hoch genug sind, um vom Zentralen Nervensystem wahrgenommen zu werden. Proteinexprimierung , Einflüsse auf die lokale Blutzirkulation oder andere Wirkungen könnten auch dann das Ergebnis thermischer Stimulation sein, wenn kein messbarer Temperaturanstieg vorliegt und keine Wirkung auf das Verhalten oder auch eine bewusste Wärmeempfindung eintritt.

Sollten "nicht-thermische" Wirkungen, zumindest solche, die in Experimenten mit präzisen Expositionseinrichtungen und exakter Dosimetrie gefunden wurden, wirklich auf der Aktivierung des molekularen Systems der Thermosensoren basieren, müssen sie folglich als "normale" Reaktion ohne echte gesundheitliche Relevanz eingestuft werden.

 

Vollständige Ausgabe[ 1 MB]

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